DIE ZEIT: Frau Lompscher, Sie sind Bausenatorin in Berlin. Herr Abraham, Sie sind als Vorstand einer Baugenossenschaft Vermieter in Berlin. An Sie beide gerichtet: Sind die Mieten in deutschen Großstädten unanständig hoch?

Katrin Lompscher: Ohne Frage ja. Nicht durchgehend, aber die Richtung, in die sie sich bewegen, ist unanständig.

Michael Abraham: Solche Mieten sind die Ausnahme. Der breite Markt hat keine unanständig hohen Preise. Berlin schon gar nicht.

ZEIT: Ab welchem Preis beginnen für Sie denn unanständig hohe Mieten?

Abraham: Ich würde sagen bei 16 bis 17 Euro je Quadratmeter Kaltmiete. Im Neubau ist es noch ein wenig mehr. Dort sind die Investitionen höher. Deshalb sind dort höhere Mieten angemessen.

Lompscher: Von mir gibt es keine Eurozahl. Wenn jemand 30 Prozent seines Einkommens für die Miete zahlen muss, ist das viel. Wenn der Betrag deutlich darüber liegt, ist das unanständig viel.

ZEIT: Wohnen Sie selbst zur Miete?

Abraham: Na klar. Ich bin seit mehr als 30 Jahren Mieter meiner Genossenschaft. Ich zahle etwas mehr als sechs Euro Kaltmiete.

Lompscher: Ich wohne in einem Neubau in Charlottenburg, zahle rund 15 Euro den Quadratmeter. Also deutlich mehr als Herrn Abraham, und eindeutig zu viel.

ZEIT: Sie, Frau Lompscher, wollen einen radikalen Mietendeckel einführen. Fünf Jahre lang dürften Mieten nicht erhöht werden. Wer mehr zahlt als 30 Prozent des Nettoeinkommens, kann sich die Miete unter Umständen sogar senken lassen. Herr Abraham, wie finden Sie als Vermieter das?

Abraham: Schlecht. Denn für diesen Deckel werden alle Vermieter in einen Topf geworfen. Egal, ob sie eher günstig vermieten oder sehr teuer: Für alle werden die Mieten, die sie bislang nehmen, festgeschrieben. Deckel drauf und fertig!

Lompscher: Wir müssen vor dem Gesetz alle gleich behandeln. Dabei ist natürlich klar, dass nicht alle Vermieter gemeint sind, sondern nur bestimmte.

ZEIT: Sie meinen Fonds und größere Wohnungsbaufirmen wie die Deutsche Wohnen?

Lompscher: Ich meine solche Vermieter, die maximalen Ertrag anstreben, und würde das nicht an der Größe eines Unternehmens festmachen wollen, sondern am Geschäftsgebaren. Wir dürfen die Mietpreisentwicklung und damit die existenzielle Entscheidung darüber, ob Menschen ihr Zuhause verlieren, nicht dem Markt überlassen. Es geht uns nicht darum, einzelne Vermieter zu quälen, schon gar nicht diejenigen, die eine soziale Wohnungspolitik haben.

ZEIT: Herr Abraham, Sie vermieten rund 4.500 Wohnungen in Berlin. Was bedeutet der Mietendeckel konkret für Sie?

Abraham: Wenn wir in den nächsten fünf Jahren die Mieten nicht erhöhen dürfen, bedeutet das deutliche Einnahmeverluste für unsere Genossenschaft, die in den vergangenen gut 100 Jahren immer vernünftig gewirtschaftet hat. Unsere Kaltmiete liegt im Schnitt bei 5,80 Euro je Quadratmeter, also nicht sehr hoch. Wenn wir die Mieten nicht wie gewohnt moderat erhöhen dürfen, trifft uns das hart: Wir verlieren fünf Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren. Wir können dann weniger investieren als geplant.

Lompscher: Sie unterschlagen eines, Herr Abraham: Vermieter, die geringere Mieten nehmen als die des Mietendeckels, dürfen diese moderat um 1,3 Prozent im Jahr erhöhen.

Abraham: Das ist realitätsfremd. 1,3 Prozent entspricht vielleicht dem Anstieg der Lebenshaltungskosten, aber es berücksichtig nicht, dass die Baukosten in Berlin jährlich um sechs Prozent steigen. Wenn ich investieren will, alte Gebäude renovieren, neue bauen, dann brauche ich Firmen, die das machen, und die muss ich auch bezahlen. Da nützen mir 1,3 Prozent Mieteinnahmen zusätzlich gar nichts.

ZEIT: Wenn wir der bisherigen Logik der Berliner Politik folgen, wäre dann die Antwort nicht: Nach dem Mietendeckel muss der Baukostendeckel kommen?

Abraham: Das würde passen. Nur würde der nicht funktionieren, denn die Firmen bauen dann einfach anderswo. Wenn wir hier weniger investieren, trifft das vor allem die kleinen Handwerker. Die fragen jetzt schon nach, ob wir wegen des Mietendeckels Aufträge stornieren.

Lompscher: Da glaube ich an eine andere Entwicklung. Außerdem sind da auch noch die Bauvorhaben seitens der Stadt. Und unsere Hochbauabteilung hat teilweise Mühe, überhaupt Gebote von Firmen zu bekommen. Wenn geschieht, was Sie beschreiben, dann wird das demnächst nicht mehr so sein.

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