Langsam zieht sich das Wasser nun zurück. Der Wasserpegel der norditalienischen Stadt Venedig stieg zuvor innerhalb einer Woche dreimal auf mehr als 1,50 Meter. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1872 war das Wasser noch nie in so kurzer Zeit während einer Hochwassersaison so stark gestiegen. Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro sagte, er sei davon überzeugt, dass der Klimawandel für diese Hochwasser mitverantwortlich sei. Auf welche Weise dies geschieht, erklärt der Klimaforscher Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Levermann, jeden Herbst kommt es in Venedig zu Hochwasser, dem Acqua alta. Das ist normal. Nun scheint sich etwas zu verändern. Inwiefern spielt der Klimawandel dabei wirklich schon eine Rolle?

Anders Levermann: Ob der Klimawandel das extreme Hochwasser in Venedig in diesem Jahr mit Sicherheit verstärkt hat, können wir als Wissenschaftler natürlich erst sagen, wenn wir dieses Ereignis mit vielen, vielen ähnlichen Ereignissen verglichen haben – also erst durch statistisch signifikante Berechnungen in einigen Jahrzehnten. Das Acqua alta ist aber eine Kombination aus Niederschlags- und Windphänomen, zusammen mit dem Tidenhub: Zwischen Herbst und Winter, wenn die Niederschläge hoch sind, der Tidenhub mehr Wasser in die venezianische Lagune drücken, entsteht sie. Anhand der Kraft physikalischer Gesetze können wir sagen: Wir werden Extremwetterereignisse wie dieses mit dem Klimawandel künftig häufiger und intensiver erleben.

Klimawandel: Professor Anders Levermann ist Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und war einer der Hauptautoren des Kapitels zum Meeresspiegelanstieg im vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC.
Professor Anders Levermann ist Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und war einer der Hauptautoren des Kapitels zum Meeresspiegelanstieg im vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. © PIK/​Karkow

ZEIT ONLINE: Wie genau könnte der Klimawandel das Acqua alta verschlimmern?

Levermann: Je wärmer wir den Planeten machen, desto mächtiger werden Starkregenereignisse und desto höher steigt der Meeresspiegel. All das kann das Hochwasser in Venedig verstärkt haben. In diesem Fall könnte noch ein weiterer Faktor hinzugekommen sein: der Jetstream.

ZEIT ONLINE: Das sind kräftige Luftströme, die auf der Nordhalbkugel in kilometerbreiten Windbahnen von Westen nach Osten ziehen und das Wetter weltweit mitbestimmen. Verhalten sie sich durch den Klimawandel anders als zuvor?

Levermann: Ja, mit der globalen Erwärmung kommt der Jetstream von seiner ursprünglichen Bahn ab und kommt wahrscheinlich immer häufiger ins Schlingern – er mäandert. Ein Blick auf den aktuellen Verlauf des Streams zeigt, dass die Winde nicht wie sonst nördlich von Italien von Westen nach Osten wehen, sondern aktuell unter Europa einen kleinen Bogen gemacht haben und in Italien von Süden nach Nordwesten ziehen. So könnten die lokalen Winde, die ein Acqua alta auslösen, durch den Jetstream verstärkt worden sein – normalerweise wirken sie diesen eher entgegen.

Stefan Rahmstorf, einer meiner Kollegen am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hat eine aktuelle, automatisch erstellte Grafik zum Jetstream in einem Tweet veröffentlicht:

Stefan Rahmstorf@rahmstorf

Die automatische Jetstream-Analyse des Potsdam-Instituts zeigt, wie die Strömung eine Schleife nach Süden über das Mittelmeer macht, bevor sie nach Norden gegen die Alpen strömt.

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Daraus ergibt sich auch eine mögliche Verbindung des Klimawandels mit den aktuell sehr starken Schneefällen in Österreich. Genau so könnte es auch einen Zusammenhang mit dem Hochwasser in Venedig geben. Ob das stimmt, muss aber noch genauer untersucht werden.

ZEIT ONLINE: Venedig ist nicht umsonst auf Pfählen gebaut. Seit ihrer Errichtung trotzt die Stadt den Gezeiten. Wie steht es um Venedig, wenn die Meeresspiegel weiter steigen?

Levermann: Für jedes Grad, den sich die Erde erwärmt, werden wir nach unseren Berechnungen, die der Weltklimarat IPCC in seiner Einschätzung übernommen hat, einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa zweieinhalb Meter erleben. Das passiert zwar sehr langsam – möglicherweise innerhalb Hunderter von Jahren –, es heißt aber auch: Langfristig wird Venedig unter dem Spiegel der Weltmeere liegen. Hielten wir das 2-Grad-Ziel vom Pariser Klimaabkommen ein, müssten wir auf lange Sicht mit etwa fünf Metern Meeresspiegelanstieg rechnen. Venedig wird definitiv untergehen. Große Küstenstädte wie Hamburg, Shanghai, Hongkong oder auch New York müssten sich ebenfalls darauf einstellen, dass dann weite Teile meterweit unterhalb des Meerespiegels liegen.

ZEIT ONLINE: Dass Venedig und viele weitere Städte mit einem steigenden Wasserspiegel zu kämpfen haben, ist längst Gewissheit. Was hat die Stadt getan, um sich zu wappnen?

Levermann: Zunächst einmal: Venedig hat sich in der Vergangenheit zusätzlich abgesenkt, durch das Abpumpen von Trinkwasser aus dem Boden. Das Problem wurde bereits vor einigen Jahrzehnten erkannt, inzwischen passiert das nicht mehr. Außerdem gibt es Bemühungen, die ganze Lagune vor Hochwasser zu schützen. Beispielsweise mit speziell angefertigten ausfahrbaren Mauern, die das Wasser in Zukunft aufhalten sollen (siehe Video unten). Wir werden aber nicht darum herumkommen, dass der Ozean mehr Raum einnehmen wird, wenn er sich erwärmt. Eine Stadt wie Venedig hat mit steigendem Meeresspiegel ein Verfallsdatum. Es sei denn, wir finden eine fundamental andere Art, uns anzupassen – etwa eine gesamte Stadt ein paar Meter anzuheben. Noch gibt es meines Wissens keine Lösung für den Fall, dass eine Millionenstadt wie Shanghai unter den globalen Meeresspiegel gerät.

ZEIT ONLINE: Bis es soweit ist: Wie gut lassen sich solche Flutereignisse wie jetzt in Venedig vorhersagen? Wie viel früher können sich Menschen darauf einstellen?

Levermann: Flutwarnungen kommen mit der Wettervorhersage, also nicht viel früher als wenige Tage. Und auch hier ist es immer möglich, dass das Wetter deutlich schlimmer oder milder ausfällt als vorhergesagt. Wettermodelle müssen immer stärker globale Phänomene mit einbeziehen. Die Kollegen haben die Herausforderungen, die mit dem Wandel des globalen Klimas entstehen, angenommen – ein gutes Beispiel ist das bereits erwähnte veränderte Verhalten des Jetstreams. Das macht das Leben von Wetterexperten deutlich schwerer und ist ein Grund, weshalb uns die zunehmenden Extremwetterereignisse so sehr zu schaffen machen werden.

ZEIT ONLINE: Venedig gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Zahlreiche historische Gebäude, Museen, Brücken und Denkmäler zieren die Stadt: Wie sehr sind diese und andere Kulturschätze schon jetzt in Gefahr?

Levermann: Dass der Klimawandel Venedig und vergleichbar wertvolle Stätten bedroht, zeichnet sich schon seit Langem ab. Im Jahr 2014 habe ich mit einem Kollegen der Universität Innsbruck  zusammengefasst, in welchen Ländern bei steigendem Meeresspiegel ein Verlust von Landfläche zu erwarten ist und welche Unesco-Stätten davon betroffen wären (Environmental Research Letters: Marzeion & Levermann, 2014). Wir haben eine Liste erstellt, in der – wenn wir allein Italien anschauen – nicht nur Venedig betroffen wäre, sondern auch die historische Innenstadt von Neapel oder der Piazza del Duomo in Pisa. Bei einem Anstieg der globalen Temperaturen um drei Grad wäre langfristig jede fünfte Unesco-Stätte gefährdet. Die einzige Möglichkeit, den Anstieg der Weltmeere wirklich zu begrenzen, ist aufzuhören, Kohle, Öl und Gas zu verbrennen.

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Klimawandel – Was, wenn wir nichts tun?Waldbrände, Eisschmelze, Unwetter: Der Mensch spürt die Erderwärmung. Wie sieht die Zukunft aus? Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt unsere Welt mit 4 Grad mehr.

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